Prime Directive – Wichtiger denn je

Derzeit ist ja ganz schön was los in der Welt. Menschen wurden in verschiedene kalte Wasser geschubst: Arbeiten von zu Hause, mehr Zeit mit alleine sein, oder viel weniger Zeit alleine mit sich sein. Neue Technik. Neue Zeiteinteilungen, mehr Eigenverantwortung und weniger direkter Austausch. Neue Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen.  
Ist der Mensch nicht faszinierend in seiner Fähigkeit, sich auf neue Situationen einzustellen?   Welche Auswirkungen eine Ausnahme-Situation auf die Menschen hat ist im Detail so individuell und vielfältig, wie es Menschen gibt. Da ist von „ich raste aus, wenn ich noch einmal die Meldung „Ihre Internetverbindung ist instabil“ lese,“ über „für mich ändert sich eigentlich nicht viel“ und „ich wusste so viele Dinge über meinen Partner nicht“ bis hin zu „cool, was alles möglich ist, ich hab tolle Ideen“ alles dabei. 

Über zwei Themen sprechen wir derzeit mit unseren Kunden und Klienten immer wieder: Einerseits Vertrauen „Machen die eigentlich ihren Job im Homeoffice?“, „Ob bei dem wirklich die Technik nicht funktioniert hat…?“ und die Frage nach “wie kann ich mein Team zusammenhalten?”. 
Nicht-Wissen kann ein komisches Gefühl machen. Wenn man nicht kurz „hallo“ sagen oder im Vorbeigehen zumindest sehen kann, dass jemand da ist. Und egal, ob die Person im Büro grad die neuesten Katzen-Videos schaut oder arbeitet – ihr könnt sie sehen und direkt ansprechen. Nicht sehen heißt ganz oft nicht glauben oder wissen – Nicht umsonst gibt es den Satz: „Das glaub ich erst, wenn ich es sehe“.  
Unser Gehirn neigt dazu, solche Informations-leeren Räume mit negativen Szenarien zu füllen. Es ist evolutionär bedingt darauf trainiert, unser Überleben zu sichern und dafür ist es hilfreich, von negativen Szenarien auszugehen. Leere Räume und „nicht-Wissen“ kann unser Hirn in dem Zusammenhang nicht so gut, wenn man es ihm nicht beibringt. Die gute Nachricht: das geht.  

Die Prime Directive – ein Weg zu mehr Verständnis und Vertrauen  

Egal, ob beruflich oder privat, remote oder vor Ort – es gibt aus der agilen Welt eine Sache, die ich Dir ans Herz legen möchte. Die Prime Directive (und ich meine nicht die von Startrek). Im agilen Arbeiten geht es darum, von- und miteinander zu lernen. Um das zu können, braucht es eine Offenheit und den grundlegenden Respekt gegenüber allen anderen Personen im Raum. Der Sinn und Zweck ist es, eine Kultur zu unterstützen, die positiv und lösungsorientiert ist. Die Prime Directive sagt dazu:  

“Unabhängig davon, was wir entdecken, verstehen und glauben wir aufrichtig, dass jeder sein Bestes gegeben hat. In der jeweiligen Situation. Mit dem verfügbaren Wissen und den individuellen Fähigkeiten.”   

Liest sich toll, wenn man es im Team-Raum an die Wand hängt, es wirklich zu leben steht hingegen auf einem anderen Blatt. 
Es geht um das persönliche Menschenbild. Es geht um Vertrauen. Es geht um die Akzeptanz und Anerkennung der Tatsache, dass jeder die Welt durch eine andere Brille sieht und zu jeder Zeit für sich sinnhaft handelt. Gleichzeitig weiß ich nicht, was bei und in anderen gerade im Leben passiert und sie dazu bringt, sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten.  
Damit es nicht langweilig wird, mischen sich zusätzlich meine eigenen Glaubenssätze und Haltungen – also meine Werkseinstellungen – als automatisches Programm ein und kommentieren das Verhalten des anderen, bewerten es und bringt mich zu einer Reaktion. Frei nach dem Motto „Wer mich auf die Palme bringt, braucht sich nicht wundern, wenn ich ihn mit Kokosnüssen bewerfe.“ 
Mit der Prime Directive kann ich der Palme, den Kokosnüssen und den Werkseinstellungen auf die Schliche kommen und dabei mir selbst und anderen neu begegnen.  

Stell Dir einfach mal einen Menschen vor, der in der Lage ist, Dich in kürzester Zeit auf die besagte Palme zu bringen. Solche Menschen kennt jeder. Nur der Gedanke an sie und treibt den Puls nach oben. Ruf Dir die letzte Situation mit dieser Person vor Augen und erinnere Dich daran, wie genau das war und was Du gedacht oder gefühlt hast. Und dann? Wende die Prime Directive auf diesen Menschen und die Situation an. Und zwar wirklich! Nochmal: „Wir verstehen und glauben aufrichtig, dass jeder sein Bestes gegeben hat. In der jeweiligen Situation, mit dem verfügbaren Wissen, den Ressourcen und den individuellen Fähigkeiten.“ Pause. 
Die erste Reaktion ist ganz oft „Pah!“ gefolgt von einem Bekräftigen der ursprünglichen Meinung. Da verteidigen das Hirn und die Werkseinstellungen ihr Revier. Das ist normal, doch es ist wichtig, dran zu bleiben. 

Also frage Dich: Welche Gründe für dieses Ergebnis kann es noch geben? Die Prime Directive möchte anregen, hinter die „Boah, die ist einfach so faul!“ oder „der trägt den Kopf auch nur für die Frisur.“- Zuschreibungen zu schauen, die viele von uns in sich tragen. Denn es gibt zahlreiche weitere Möglichkeiten, weshalb sich ein Mensch auf eine bestimmte Art verhält und mit jeder neuen Perspektive verändert sich die Wahrnehmung auf eine Situation und die Beteiligten.  
Ich behaupte nicht, dass es einfach ist. Ich behaupte auch nicht, dass manche Arbeitsergebnisse nicht meilenweit von dem entfernt sind, was vereinbart war. Es geht nicht darum, das zu beschönigen oder Friede-Freude-Eierkuchen zu spielen. Gemeinsames Lernen und Verständnis füreinander entstehen erst, wenn Menschen das Gefühl haben, selbst mit schlechten Arbeitsergebnissen angenommen und akzeptiert zu sein. Denn dann verschleiern sie ihre Fehler weniger, schieben die Schuld seltener auf andere und lernen, offen über die Gründe des Scheiterns zu sprechen und Eigenverantwortung zu übernehmen.  
Dann erst können die Fragen gestellt und beantwortet werden, die für Verbesserungen nötig sind: „Was hat gefehlt, um zu liefern? Was hat Dich gebremst? Welche Qualifikation fehlt Dir vielleicht noch? Wer oder was steht uns im Weg? Was wollen wir anders machen?“ 

Und wie kann man das lernen?

  • Sichtbar machen 

Nach dem Prinzip der Bandenwerbung im Sport gilt, die Prime Directive permanent ins Gedächtnis zu rufen. Mache die Prime Directive sichtbar, wo auch immer Du bist: Im Büro, in Meetingräumen oder Remote Meetings. Häng sie Dir ans Telefon oder an den Bildschirm. Was sichtbar ist, kann unser Gehirn anders wahrnehmen. Sprich mit anderen darüber, dass Du Dich damit beschäftigst. Lass Dich von anderen immer wieder fragen, wie das so läuft mit der Prime Directive.  

  •  Hinterfragen, Reframing & Austausch 

Hinterfrag schon dagewesene Erlebnisse als Übung. Es gibt bestimmt zahlreiche Situationen, in denen die Prime Directive Anwendung finden kann. Was verändert sich dadurch? Der schöne Satz „Handle so, dass sich die Anzahl deiner Möglichkeiten vermehrt.“ kann auch vorerst auf das Denken bezogen werden. Dabei hilft das sogenannte Reframing und die Frage: Wie könnte es noch sein? Das darf dann auch sehr komische, paradoxe und schräge Antworten aufbringen. Alles, was Dich aus Deinen Werkseinstellungen holt ist hilfreich. Falls Du an die Grenzen der „Anzahl neuer Möglichkeiten“ kommst, bezieht andere mit ein. Frage Menschen, die überhaupt nichts mit der Situation oder dem Bereich zu tun haben. Hol Dir also Perspektiven, auf die Du vorher nie gekommen wärst. Was würde wohl Chuck Norris sagen; oder ein 5 jähriger? 

  • Einfach fragen, fragen, fragen  

Im agilen Umfeld empfehlen wir gern, die Menschen zu fragen, die das Wissen haben. Also: fragt doch einfach denjenigen, den es betrifft. Ja, manchmal ist es so einfach. Denn dieser Mensch ist der einzige, der Dir sagen kann, was ggfs. gefehlt hat, um ein noch tolleres Arbeitsergebnis zu liefern. Meine Empfehlung: Erweitert erst die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten, um etwas offener für die Welt des anderen zu sein. Und beachte vor allem zu Beginn, dass viele Menschen solche Fragen als Vorwurf interpretieren, weil sie das so gelernt haben. Also erzähle Deinem Gegenüber vielleicht von der Prime Directive, falls dieser sie noch nicht kennt und schaffe einen Raum der Offenheit und Akzeptanz.  

  • Milde sein und dranbleiben 

Die Schublade des Bekannten aufzumachen, jemanden reinzupacken und sie wieder zu schließen geht so schnell, das bekommt man oft nicht mal mit. Du veränderst jahrzehntelang geübte Haltungen und baust neue Pfade in Deinem Denkapparat. Das braucht Zeit und einige Wiederholungen, also sei milde mit Dir und anderen. Die Prime Directive gilt nämlich für jeden. Vergiss also nicht, sie auch auf Dich selbst anzuwenden. Mit ein bisschen Übung und Disziplin entsteht dadurch ein Raum, in dem Lernen, Vertrauen und bessere Zusammenarbeit möglich wird. 

Und zum Schluß noch die Frage: Was möchtest Du in der nächsten Begegnung mit diesem Menschen anders machen, ihn fragen oder ihr sagen?
Ich wünsch Dir viel Spaß beim Ausprobieren, Dir selbst und anderen neu zu begegnen. Ich freu mich über Deine Erlebnisse und Gedanken.  
Anja